Die Mädchen von früher sind jetzt Mütter. Sie sind immer noch nett. Jahrgangsweise haben sie die Männer geheiratet, die sie seit ihrer Schulzeit kennen. Die Männer arbeiten mit den Kumpels von früher in den Banken der Region. Abends spielen sie Karten und trinken Weißbier.
„Glitzer, wenn Dir langweilig ist, mach uns doch mal ein Weißbier auf.“ Unterwegs zu diesem durchaus anerkennenden Satz treffe ich viele dieser Mädchen. Die, die noch nicht Mütter sind, sind Lehrerinnen und haben wenig Zeit, wegen der Baustelle. Sie bauen Häuser. Die meisten werden apricotfarben.

Ich sitze in einer apricotfarbenen Küche und trinke ebenfalls Weißbier. Ich bin kein Mann, aber von hier, und wer nicht schwanger ist, trinkt Weißbier. Später trinken wir Schnaps. Ich kenne alle Leute, von denen an diesem Abend die Rede ist. Ich kenne sie, ihre Partnerinnen und Partner, ihre Eltern, deren Affären und die tragischen Geschichten der Kleinstadtidylle.

Die Buchhändlerin kennt mich auch noch. Sie schenkt mir einen Reisebericht, den hier eh niemand mehr kaufen wird. „Zu wenig Drama “, seufzt sie. Dann geht sie in die Apotheke, um den Notizzettel einer Kundin zu holen. Sie hat ihn dort weggeworfen. Mit dem Buchtitel. „Mei, es geht um eine Frau und ihren jüngerer Mann. Ham Sie des ned da?“ Das Buch entpuppt sich als Groschenroman.

Sonntag Morgen gehe ich ins Schwimmbad, ich bin ohnehin Protestantin. Ich zahle einen Euro fünfzig. Die Dame an der Kasse liest aufmerksam meinen Studentenausweis: „Glitzer! Di hätt i iatz nimmer kennt. Du warst doch mit unserm Markus in der Schui!“ In der Grundschule. Ichwar auch oft in diesem Hallenbad, freitags von drei bis fünf. Seepferdchen, Kindergeburtstag, Grundschullieben, Chips und die Narbe auf meinem Oberschenkel. Außerdem habe ich dort eine Glastür zerworfen. Das war alles vor dem Umbau in gediegene Pastelltöne.
Als ich in Richtung Umkleide gehe, spüre ich den zweifelnden Blick der Frau im Rücken. Ich studiere also immer noch. Meine Mutter wird wochenlang beschäftigt sein, dieses Gerücht aus dem Ort zu tilgen. Und das alles für einen Euro.

Ich stelle mir vor, wie es sein wird, in Zukunft in diesen Ort zu kommen. Aus den apricotfarbenen Häusern strömen wohlbehütete Kinder und pubertieren in den Vorgärten zwischen den Rosenkugeln der Zukunft. Später werden sie ihre Schulfreunde aus derNachbarschaft heiraten und Häuser bauen. Hellblaue Häuser, komplementär zu ihren Eltern.
Diese haben bereits das generationeninterne Affärenkarussell in Gang gesetzt. Markus wird wie seine Eltern und Großeltern das Hallenbad leiten. Die Buchhandlung wird schließen, Bücher gibt es auch bei real. Männer, Mütter und Mädchen leben ihre Idylle weiter und sind immer noch nett.

Und erstaunt werde ich das Gefühl nicht los, Teil dieser Idylle zu sein. Und dass sich diese Idylle irgendwo in mir drin verkriecht. Obwohl ich weder Weißbier noch apricot ausstehen kann.

Es ist so. Ich kenne diesen Flughafen. Ich bin hier ein Dutzend Mal abgeflogen, weiß, was mich erwartet, im Prinzip. Über fünf Passkontrollen, drei Security-Checks und diverse Warteschlangen oder –Haufen. Dazwischen stehen überall Leute und packen ihr Gepäck um. Zwei erlaubte Gepäckstücke à 23 Kilo pro Fluggast scheinen schier nicht umzusetzen.

Diesmal sind es viele Leute, sehr viele. Ich stehe kurz nach der ersten Passkontrolle hinter dem Eingang, warte in der Check-In-Schlange eine Stunde während das sofortige Boarding aufgerufen wird, eine knappe weitere, bis ich in der Reihe vor irgendeinem Schalter stehe. Je näher ich an die Schalter komme, umso lauter werden die vertrauten „Cheick!“-Rufe. Cheick ist die Person, die sich mit allen Computern und ihren Fehlern auskennt. Heute ertönt eine Dauer-„Cheick!“-Schleife.

Dafür scheint heute auch ein zweiter Cheick im Einsatz, dessen Namen ich nicht kenne. Cheick Zwo bietet dem Herrn vor mir fünfhundert Euro bar, wenn er heute nicht fliegt oder aber einen Gutschein und eine Übernachtung im Hotel, falls er pokert, auf die Warteliste gesetzt zu werden. Es sind noch fünfundvierzig Minuten bis Abflug, ich habe online einen Sitzplatz gesichert und möchte nur noch mein Gepäck abgeben, bekomme also keine fünfhundert Euro geboten. Und bleibe relativ ruhig. C’est comme ça, chez nous.

Mein erstes Gepäckstück bereitet keine Probleme. Bis Paris, fragt die Dame, als der Koffer schon auf dem Förderband von dannen fährt. Frankfurt, sage ich und denke sofort, es könnte ein Fehler gewesen sein. Voilà, schon kann die Dame mein zweites Gepäckstück nicht mehr registrieren. Zum einen, weil das andere nach Paris geht, zum anderen, weil mein Flug nach Frankfurt annulliert wurde und nicht mehr im System erscheint. Bevor sie „Cheick!“ rufen kann, versichere ich ihr, dass sie auch alles nach Paris schicken könne, das sei mir egal. Nein, jetzt ginge mit meinen Daten im Moment gar nichts mehr. Ich solle warten.
Ich stehe neben meinem zweiten Koffer und warte, frage mehrmals nach, ob sie das Problem schon jemandem signalisiert habe, ernte genervte Blicke. Auch der Flughafenmann neben mir versichert mir, ich würde schon abheben, heute.

Cheick Zwo vertickt weiterhin Gutscheine wegen der Überbuchung. Cheick himself wirft immer nur einen kurzen Blick auf den Bildschirm, der aber in Ordnung ist, während die Dame munter andere Leute eincheckt.
Irgendwann erscheint Cheick Zwo, lässt sich das Problem erklären und findet heraus, was alle wissen: dass mein Flug annulliert wurde. Er würde mal nachsehen, schnappt meinen Pass und huscht weg, während ich noch versuche, ihm die neuen Flugdaten hinterherzurufen.

Zwanzig Minuten vor Abflug kommt er wieder, meint, der Flug sei annulliert, ich sei schon umgebucht, aber das Gepäck, das solle nun doch nur bis Paris gehen. Die Dame versucht, mein zweites Gepäckstück bis Paris zu buchen und erhält einen Gepäckanhänger bis Frankfurt. Den traut sie sich ohne Erlaubnis von Cheick Zwo nicht am Koffer zu befestigen. Ich solle warten. Cheick Zwo diskutiert die Hotelübernachtungen. Irgendwann stellt ein freundlicher Mann mein erstes, schon eingechecktes Gepäckstück neben mir ab, er habe es eben für mich aus dem Flieger herausgesucht.
Ich werde nervös. Fünf Minuten nach Abflug schickt man mich in Richtung Büro, um Cheick Zwo zu suchen, während fünf Leute in gelben Sicherheitsjacken um den Bildschirm und meine Koffer stehen. Beides – in abgeriegeltes Gebiet vorgelassen zu werden und dass so viele Leute sich nun des Problems annehmen – macht mich noch nervöser. Die Wartehalle liegt merklich leer.
Cheick Zwo folgt mir an den Schalter und macht alles noch einmal neu. Da er inzwischen wohl meinen Platz verkauft hat, sitze ich nun irgendwo anders, beide Gepäckstücke sollen nun nach Paris gehen.

Ich bedanke mich, fünfzehn Minuten nach Abflug stehe ich an der dritten Passkontrolle, dann die vierte, erster Security-Check. Dass ich spät sei, man müsse sich schon an die vorgegebenen Zeiten halten, ich sei doch Deutsche, oder?

In der Abflughalle eine Dame des Bodenpersonals, ah Madame, ob ich nun doch flöge, bis eben am Schalter habe ich den Eindruck erweckt, ich wolle meinen Aufenthalt hier verlängern. Trotz allem bin ich scheinbar zu Scherzen aufgelegt und erwidere irgendwas, was uns lachend auseinander gehen lässt. Passkontrolle Nummer fünf, aha, das sei nun aber knapp für den Flug, ob sonst alles in Ordnung sei und die Familie? Jedenfalls freue er sich, wenn er jetzt Feierabend machen könne.

Security Check Nummer zwei, huch, Madame, so knapp vor Abflug, wie es mir gefallen habe in Mali, wie lange ich da gewesen sei, ach, so lange, ob ich gearbeitet habe, ç’est bon ça, und wo der Herr Gemahl sei, guten Flug.

Security Nummer drei, ah, Jolie, so spät, ob es ein Mädchen oder ein Junge werde, so oder so, er wünsche mir einen Jungen und falls ich ihn nach ihm benennen wolle, er hieße Moussa.
Im Flieger angekommen, bleibt das Personal ganz Service. Kurz nachdem ich eingestiegen bin, die Ansage, dass das Boarding nun doch endlich abgeschlossen sei. Mein Sitznachbar sieht mich an und meint, in London würde es ohnehin regnen. Da könne man auch später ankommen. Und die Familie?

Ich fühle mich sehr zu Hause und in den Sessel versinkend vergesse ich für einen kurzen Moment, dass ich dieses Land vielleicht nie wieder betreten werde. Aber dieser Gedanke wird mich ohnehin erst in ein paar Tagen in München mit seiner Wucht einholen. Vielleicht zu dem Zeitpunkt, zu dem mein Gepäck ankommt. Falls.

Erinnerungen an 1990, als es losging – der Aufstand, später der Putsch. Anführer des Putsches war der jetzige Präsident – auch, wenn er nicht gleich Präsident wurde, sondern erst zwei Amtsperioden später. Nun soll er im April einem Nachfolger Platz machen.
Damals jedenfalls sei es losgegangen wie heute. Die beiden Frauen in meinem Büro erzählen verstört von den Massen auf den Straßen, Plünderungen, Verstümmelungen, brennenden Menschen, Chaos, Schutt, Asche. Wie heute.

Heute wird das Haus der Nachbarn von Frau Skypeverbot demoliert, aus einem einfachen Grund, dort wohnten berühmte Tuareg. Der Ort nahe der Hauptstadt sei unzugänglich, das Militär dorthin unterwegs.

Inmitten vieler Gerüchte und Spekulationen Neues aus dem Norden vom Tuareg-Aufstand, gleichzeitig von Tuareg-Flüchtlingen – vor dem Aufstand, vor anderen Rebellen und vor der Bevölkerung, die keine Tuareg sind. Sie fliehen weiter in den Norden und nach Mauritanien.

Andere, die Bevölkerung, die keine Tuareg sind, fliehen gen Süden, aus Angst vor dem Aufstand. Angehörige des Militärs fliehen nach Niger oder sonst wohin. Weil sie auf so eine Aufgabe nie vorbereitet worden seien, schreiben die Zeitungen, weil sie Soldaten geworden seien, um nicht arbeitslos zu sein, weil sie ohnehin noch die Muttermilch schmeckten. Überraschend kam der Aufstand im Norden nicht. Heißt es.

Die Mütter und Kinder der Uniformierten demonstrierten gestern, heute brennt es, Straßenblockaden, zerstörte Polizeistationen, Apotheken, Wohnhäuser. Für morgen rufen die Parteien zu Demonstrationen auf, die Polizei, die Soldatenmütter und alle, die gerade wenig zu tun haben – das sind viele: Schüler, Studentinnen, Arbeitslose.

Neu ist auch die grundsätzliche Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht. Seit Monaten äußert sie sich nicht nur in Lynchjustiz, an allen Ecken und Enden Gespräche über die Korruption der Polizei, der Gerichte, der Minister. Nun gegen den Präsidenten.

NeueFirma registriert meine Passnummer, aus dem Nachbarbüro bekomme ich den ersten Anruf über das Krisennotfallplaninformationskaskadenfaltblatt. Später kaufen wir tatsächlich Vorräte in Dosen. Und warten. Draußen kündigt Shakira das nächste Fußballspiel an. Was zählt, ist aufm Platz. Hoffentlich gewinnen sie wenigstens.

Es ist so. Heute lese ich einen Artikel in der Zeitung über bedrohte Wurstarten. Gut, das stimmt so nicht, aber das bleibt in meinem Kopf. Genauer: in meinem Kopf entsteht die Vorstellung einer Roten Liste mit vom Aussterben bedrohter Wurstarten.

Die gute alte Currywurst vom Imbiss. Mit der Schere geschnitten! Zwiebelwurst. Die fette Rote. Bratwürste außerhalb des Reservates Nürnberger Altstadt. Wer kennt heut noch Blaue Zipfel? Auch die Weißwürscht, die ich vor Kurzem aß, schmeckten ein wenig seltsam. Die Lyoner muss sich als Salat prostituieren, ihre schweinerne Seele verkaufen, um noch konsumiert zu werden!

Sie alle sterben, während sich die Chorizo auf der Pizza ausbreitet wie Springkraut am Straßenrand. (Zum direkt proportionalen Zusammenhang vom Wurstimbissbudensterben am Straßenrand und der Ausbreitung des Springkrauts ein ander Mal.)

Im Laufe des Artikels wird mir schlagartig bewusst, dass auch ich gedankenlos meinen Beitrag zum Wurststerben leiste. Manchmal esse ich Fisch. Oder Schnitzel. Ich bekenne: Sogar am Standl bestelle ich eher Leberkas als eine beliebige Wurst.
Was ich bisher als lächerlichen Spleen weißbemützter Scharlatane oder Resteverwertung abtat, sind letzte Rettungsversuche: Weißwurschtcarpaccio. Bratwursthascheenockerl. Knackerschaumsüppchen. Grützwurst Hawaii.

Gepackt vom wütend bürgerlichen Aktivismus dieser Tage, rufe ich sofort die Unterstützer des synergetischen Netzwerks zur Rettung des Wurschtwertschöpfungsprozesses an. (Sie erinnern sich doch wohl, oder?) Schon vor Monaten war uns das Wurststerben ein Anliegen, allein die weltweiten, menschengemachten Ausmaße des Wurstwandels blieben uns verschlossen.

Als erstes planen wir die Verhinderung irgendeines Bauprojektes, indem wir mit der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Wurstarten wedeln. Eine Brücke. Ein Bahnhof. Eine Innenstadtsanierung. Irgendetwas wird an der Wurscht scheitern.

Im Geiste sehe ich schon die Transparente vor mir: „Wenn die letzte Wurst gegessen ist, werdet ihr merken, dass man Curry nicht tanken kann!“ – „Die Wurst geht weiter.“ – „Alte Würste braucht das Land!“ – „Alle wollen zurück zur Wurst, aber keiner ohne Darm!“ – „In dubio pro Wurst!“ – „Alles hat ein Ende!“
Die Planungen bringen mich in Ekstase und ich weiß: solange es in meinem Bekanntenkreis noch mindestens zwei Wurschtmaschinen gibt, ist noch nichts verloren. Und Sie? Kämpfen Sie mit. Essen und spenden Sie jetzt. Kaufen Sie sich heute Mittag eine Wurst beim abgeranztesten Standl, das sie kennen. Tun Sie es für die Sache. Die Wurscht wird es Ihnen danken.

Ach so. Den ausschlaggebenden Artikel finden Sie hier.

Es ist so. Während wir in das letzte Jahr rutschten, saßen wir auf einer Dachterrasse in Ségou, unten wurde geböllert, oben wurde geguckt, irgendwann gingen wir früh ins Bett, es war warm. Dieses Jahr stehen wir in Haidhausen, gegenüber wird geböllert, drüben wird getrunken, irgendwann errate ich, dass ich Bugs Bunny bin, es regnet.

In Bamako atme ich zuerst diese Luft, diese fette, rauchige Luft. Wäre man nicht zum Arbeiten hier, röche es nach Frühling, Urlaub. Enge, Lachen, Chaos, Erinnerungen – mir dämmert, was ich in acht Wochen vermissen werde. Bonne heureuse année, Madame, ça va, taxi?

Unser Haus liegt seltsam im Dunkeln. Ca va, bonne heureuse année und die Alten und die Familie und Deutschland und die Gesundheit, es sei lange her, die Reise, die Gesundheit? Ja, selbst alles gut, ça va, jaja, die Familie und ja, das neue Jahr und das Fest und nun ja, es gebe keinen Strom. Sicherlich, alle anderen hätten Strom, aber wir, nun ja.

Während wir unser Vokabular um „Rakete“ erweitern, finden wir heraus, dass „kein Strom“ heißt, es habe gebrannt. Das Dach habe gebrannt, die Nachbarn und die Feuerwehr seien gekommen, jetzt hätten wir keinen Strom. Die Feuerwehr, bemerkenswert. Sie – wie auch die Polizei – kommt erst dann, wenn man ihnen das Benzin dafür zahlt. Diese Verhandlungen können dauern. Überhaupt, Feuerwehr: haben sie unser Dach mit unserem Gartenschlauch gelöscht? Alle Achtung. Ich erinnere mich nur entfernt an so etwas wie Wasserdruck.

Innen sieht man nichts, einerseits ist es dunkel, andererseits hat das Feuer nicht durchgeschlagen und die Stromkabel hingen schon vorher recht belanglos von der Decke. In weihnachtlicher Teelichtatmosphäre wird uns wieder klar, dass Alltag hier immer ein bisschen anstrengender war, das neue Jahr mit dem Elektriker beginnen wird, unsere mitgebrachten Käse- und Schokoladenvorräte bei 30 Grad schneller zu essen sind. Sofort.

Am nächsten Tag beginnen die Verschwörungstheorien. Wieso die Nachbarn so schnell da gewesen seien, ob es wohl ihr Querschläger war, der das Vordach schmolz, bevor sich die Strohauflage entzündete? Egal. Aber! Als man die Kinder das letzte Mal sah, bereiteten sie das Sankt Martins-Feuer vor, das sich in den Mangobaum schlug, während den Freunden mitgeteilt wurde, man sei bei diesem „German thing with the fire“. Auch egal. Sie haben unser Haus gelöscht. Quelle chance, freut sich Oumar, es hätte auch ganz abfackeln können! Wahrscheinlich hat er Recht. Und kein Strom ist ja auch eine alte Bekannte.

Frohes Neues und willkommen daheim. Ab morgen kühlen wir unseren Käse im Bürokühlschrank.

Es ist so. Tim bekommt eine Bestätigung seiner Personalabteilung, seinem Antrag auf Verlängerung seiner Stelle bis SanktNimmerlein oder um ein weiteres Jahr sei hiermit stattgegeben, hocherfreut der Abteilungsleiter. Und Frau Halloooo. Frau Halloooo arbeitet in der Personalabteilung und schreibt Mails mit ebenjener Anrede.

Wir wollten hier nicht bleiben, nicht noch ein Jahr voll Malaria, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Schimmel, wildgewordenen Hefepilzen, Typhus, Hitze, Staub, falschen Polizisten, Cholera und NeueFirma. Nicht noch ein Jahr ohne Familie, Freunde, Schnee, Berge, Schokolade, Alltag, Strom, Wasser, Schnitzel, Cafés, frischer Luft. München. Europa. Infrastruktur! Freiheit! Essen! Wetter! Öffentlicher Nahverkehr! Klettern! In Seen baden! Fahrradfahren! Biergärten! Strand! Unfreundliche Busfahrer! Allerhöchstens noch die Schweiz, vielleicht Italien. Abgemacht.

Tims Anruf und das Verlesen der ungefragten Bestätigung machen mich irr kichern. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier nun niemals wegkommen. Wie der Mann, der in dem Film den Flughafen nicht mehr verlassen darf.
Tims Firma ist eine deutsche Maschine. Geprüft seit 1948 entkommt dem System so leicht keiner mehr. Die Verträge gehen bis zum exakten Datum des Renteneintrittsalters. Mittagessen und Sozialprogramm sind penibel geplant, die Mitarbeitenden sind ihr eigenes Hochglanzabbild.

Tim schreibt der Frau Halloooo eine Nachricht, es liege wohl ein Irrtum vor. Ein „Halloooo Herr Tim! Schade. : ((( “ später taucht Tims Stelle dann tatsächlich in der Liste der neu zu besetzenden Posten auf. Erleichtert (aber ich noch nicht zu hundert Prozent überzeugt) ein Blick auf die anderen Vakanzen.

Afghanistan, Pakistan, Ruanda, Südsudan. Ägypten. Kongo. Nee. München.
Armenien, ah, zu viele Rohstoffe. Indien, hm. Marokko, war schon mal im Gespräch. Kirgistan – haben wir nicht kürzlich erst darüber gesprochen? Georgien, naja, nun, aber – die Küste! Wollten wir nicht eh noch mit dem Auto nach Tiflis, äh, wenn das Militär wieder weg ist?

Glitzer, strahlt mich Tim auf einmal an, Glitzer – Ulaanbaator. Ich denke an den Kamelfilm und Berge und Schnee. Wir beugen uns über den Atlas, Irkutsk ist quasi ums Eck und Tim lacht mich aus, als ich sage, ich könne dann endlich die Chinesische Mauer sehen.

Später lese ich, dass man Milch zum Trocknen aufhängt und dass beschädigte und kleinere Geldscheine beim Wechseln einen schlechteren Kurs erzielen. Das Land fühlt sich nach tollen Geschichten an, auch wenn dort niemand wohnt, in der Mongolei. Außer ein paar Pestflöhen. Dafür aber gibt es keine Malaria. Wir schmunzeln die Flause ein bisschen durch den Nachmittag.

Dann machen wir uns an unseren kulinarischen Heimwehabend und knödeln dreierlei Knödel, die nach zu Hause schmecken. Der Abschied geht los.

Es ist so. Ich bin in der Küche meiner Eltern und putze. Spüle alle Teller und Tassen des Kaffeetrinkens penibel vor, decke fein säuberlich die Kuchenreste ab, wische ein drittes Mal über die ohnehin sauberen Arbeitsflächen, stelle das Brot vorsichtshalber in den Kühlschrank, auch den Zucker. Als ich um die Steckdose wische, fragt meine Mutter, was ich da tue, ich antworte nur, Dass sie das letzte Mal von da gekommen seien. Aus der Steckdose. Immer kämen sie aus der Steckdose.

Ich spüle Spüllappen, Schwamm und Spülbürste dreifach aus, werfe den Holzkochlöffel vorsorglich weg. Holzkochlöffel kriegt man nie richtig sauber, da finden sie immer was.
Ich fülle einen Teller mit Wasser, um die Katzenfutterschüssel hineinzustellen, noch wandern keine Futterstückchen über die Fliesen, aber ich weiß, dass es soweit kommen wird, noch heute Nacht. Glitzer, was tust Du! höre ich meine Mutter. Die Ameisen, die Ameisen, die Ameisen rufe ich, bis Tim mich in die Seite stößt, ich solle ruhig sein.

Ameisen, sie sind überall, jetzt nagen sie sogar an meinen Träumen. Faszinierende Biester. Samstagnacht erkunden sie den Lagerplatz des Sonntagsfrühstücks, der in der Folge aussieht wie eine Plünderung in Tottenham: Dutzende strömen hinein, andere Dutzende strömen mit einem unpassenden Luxusfrühstücksbrösel unterm Arm wieder raus. Manche bleiben gleich im Brot wohnen (oder wohnten bereits in der Bäckerei dort), Katzenfutterstückchen wandern auf magische Weise durchs Zimmer, schwarze Stränge tropfen aus der Steckdose und nehmen direkten Kurs durchs Haus auf die Küche. Zuckerdosen sind ein leichtes, Limoncellotropfen ein Fest, Holzlöffel das Paradies, Seife ein überraschender Hochgenuss.

Mit der Überzeugung, dass ein Ameisenbär her muss, schlafe ich wieder ein, aber eine Idee reißt mich sofort aus dem Schlummerzustand: nein, kein Ameisenbär, viel besser: ein Zwergameisenbär! Gonzo, der Zwergameisenbär. Zwergameisenbären wiegen höchstens ein Pfund und haben, da Baumbewohner, einen Greifschwanz.

Ich stelle mir vor, Gonzo, den Zwergameisenbär zu dressieren, um ihn als Tischstaubsauger einzusetzen. Gonzo, der Tischameisenbär. Sonntagmorgen würde ich ihn ins Brotversteck halten, er würde alle Ameisen absaugen, ich hielte ihn an Holzkochlöffel und Spülschwamm, schließlich an die Seife. Dann würde er sich eine Zeitlang erholen müssen und schnarchend Seifenblasen aus seinem Rüssel kringeln. Dann hielte ich ihn in die Steckdose.
Gonzo und ich wären gute Freunde, manchmal kraulte ich ihm seinen Bauch. Nach dem Mittagessen dürfte er ein bisschen draußen rüsseln. In der Zwischenzeit würde ich das Brot vielleicht aufgrund des Tischameisenbärenspeichels trotzdem entsorgen, wäre aber viel versöhnter. Im Standby-Betrieb würde er irgendwann die Ameisen schon absaugen, bevor sie das Brotversteck erklommen hätten.

Dann würde ich ihm eine Gonzine beschaffen und Tischameisenbären züchten. Stubenrein, verlässlich, dauerhungrig, mit Garantie. Sie sind interessiert? Vorbestellungen nehme ich gerne entgegen.

Die Firma schickt eine Hausmitteilung. Ab sofort gelten neue Schreddervorschriften. Arbeitsbezogene Dokumente, die dem Altpapier zugedacht seien, müssen in Zukunft geschreddert werden, wobei der Schreddervorgang der Schreddernorm gemäß Aktenvernichtungsverordnung vom 05. Juli 2009 entsprechen müsse, gerne auch durch Beauftragung einer Spezialfirma, dies betreffe nicht allein personenbezogene oder sensible Akten, sondern auch strategische oder aber institutionelle Überlegungen, auf unbedingte Einhaltung sei zu achten, mit freundlichen Grüssen, die Hierarchie.

Ich schlage die Schreddernorm laut Aktenvernichtungsverordnung vom 05. Juli 2009 nach und informiere mich über die gängigen Anforderungen an den Schredder, der laut Verordnung mindestens eine Seite in einem Durchlauf schreddern können müsse, wobei das Dokument in Streifen (nicht: in Fetzen) zu schneiden (nicht: zu reißen) sei, diese aber wiederum nicht die Breite von 0,225 (in Worten Null Komma Zwei Zwei Fünf) Zentimeter überschreiten dürften. Die Entsorgung der so entstandenen Streifen müsse getrennt von anderem Müll (auch anderem Papier) in eigens dafür bereitgestellten Säcken erfolgen (keine Weiterverwendung als Verpackungsmaterial!).

Die Bearbeitung sensibler Akten fällt nicht unbedingt in meinen Zuständigkeitsbereich, strategische Überlegungen schon eher. Bisher schreddere ich nichts, bedrucke Papier doppelseitig, zerfetze es anschließend, werfe es in einen Korb, dieser wird ausgeleert und nach Feierabend brennt sein Inhalt neben dem Inhalt der anderen Körbe friedlich im Hof vor sich hin.

Aufgrund der dringenden Anordnung der Firma wird eine Sitzung einberufen, zur Zukunft der Altpapierhandhabung. Mein Plädoyer für die Beibehaltung des jetzigen Verfahrens wird abgeschmettert, die gängige Praxis stimme nicht mit der Verordnung überein und falls der Minister käme, gebe es bestimmt Ärger, wo komme man denn da hin, wenn man sich nicht an die Vorschriften halte. Ich denke, dass es hoffentlich nicht allein wegen des Altpapiers Ärger gebe, käme der Minister, beiße mir aber auf die Zunge.
Nach zwei Stunden und sieben Flipchartbögen hält man das Ergebnis fest: für den Zeitraum, den man benötigen wird, um einen Schredder entsprechend der Schreddernorm zu bestellen, wird eine Spezialfirma mit der Vernichtung des Papiers beauftragt.

Es gibt hier keine Spezialfirmen. Für nichts. Vielleicht stellt man sich Schredderfirmen hier so ähnlich vor, wie die Spamfilter: Leute schneiden mit der Bastelschere (oder besser: der Machete!) die Dokumente in nullkommazweizweifünf breite Streifen.

Zurück im Büro sehe ich, wie die Kinder von nebenan unsere strategisch frisch beschriebenen Flipchartbögen aus der Mülltonne ziehen. Bestimmt verkaufen sie nun die sensiblen Daten unserer künftigen Schredderpolitik an den Feind. Wobei, wahrscheinlich können sie sie ohnehin nicht lesen. Ob ich ihnen meine Schere in die Hand drücken und sie ermutigen soll, eine Spezialfirma zu gründen? Dann könnte sich der Minister beim nächsten Besuch die Erfolge im Bereich Wirtschaftsförderung ansehen. Aber gut, wieso sollte ich meine Zeit nicht auch mit Schreddern verbringen. Ich muss nur noch herausfinden, ob man Flipchartbögen vor dem Schreddern auf exakte DinA4-Norm zuschneiden muss.

Was? Sie fragen, was mit den Papierstreifen in den Säcken geschehen soll? Habe ich ebenfalls gefragt, es ist einfach: man wird sie verbrennen.

Zeitschleife.

Dezember 31, 2010

Was, wenn um Mitternacht
das unbefangene Jahr
in die Welt blickte und
verschüchtert von Vorsätzen,
erdrückt von Altlasten
sich entschlösse, gar nicht erst
damit anzufangen,
zweitausendundelf zu sein?

Im trunkenen Taumel
würde man es nicht merken
Aber wo wachte man
wann mit seinem Kopfweh auf?

Wie halten Sie es mit Ihrem Aszendenten? Nein, das ist durchaus keine lächerliche Frage. Vor Kurzem fragte man nach meinem Aszendenten. Mein Sternzeichen war aus meinem Verhalten wohl klar abzulesen, der Aszendent aber gab Rätsel auf. Auch mir. Ich musste nachschlagen, was das überhaupt sein sollte und wurde überrascht: mein Aszendent macht aus mir eine durchaus liebenswerte Persönlichkeit. Gerade in Kombination mit dem Mond. Gemeinsam kämpfen sie um meine Zukunft.

Leider halte ich Horoskope für ebensolchen Humbug wie Zukunft. Das Schicksal wollte aber, dass ich mich – wenn ich mich schon meinem Aszendenten verweigerte – anderweitig mit meinem Morgen befasste: In einem Gewinnspiel des flotten Mundwerks (eine zweifelhafte Gabe meines Sternzeichens) ereilte mich ein regenbogenfarbenes Tarot-Buch.  Zunächst im Fach für unzustellbare Post gestrandet (ich bekomme selten unzustellbare Post und sehe umso seltener in dieses Fach), trug mir unser Hausmeister die Sendung nach. Diese Hilfsbereitschaft verdankt er nach eigener Aussage seinem chinesischen Horoskop.

Es war Neumond, das weiß ich zufällig, da zu solchen Zeitpunkten Neuanfänge empfohlen sind (ganz im Gegensatz zum Warzenbesprechen) und so befragte ich das Buch samt Karten nach meiner Situation, der Liebe und den neuen Perspektiven der Welt. Allerdings erteilten die Karten Ratschläge, die meinem Aszendenten so gar nicht in den Kram passten und mein Wesen sehr beunruhigten, ja, gar aus dem kosmischen Einklang warfen. Selbst ein traditioneller Zimbeltanz mit Räucherstäbcheneinsatz und Pendelbeschwörung (leider habe ich Angst vor Schlangen) konnte mir das prophezeite Omen nicht aus dem Kopf vertreiben.

Was tun? Ich musste das Unheil bringende Buch loswerden. Unbedingt. Aber man kann ein Schicksalsbuch der Kartenlesekunst ja schlecht einfach im Altpapier entsorgen. Das brächte bestimmt Unglück und bei meinem Baumhoroskop würde ich dabei noch das Salz umwerfen. Also stellte ich das Buch vorübergehend in das Regal, in der Überzeugung, es habe seinen Weg zu mir gesucht und würde ihn auch von mir weg finden – wenn es an der Zeit sei. Dafür ist schließlich das Universum zuständig.
Da ich das Zeitmanagement des Universums ein wenig unterstützen wollte, baute ich nach, was ich auf einer Reise schätzen gelernt hatte: ein Fuchsorakel. Es sollte mir zunächst sagen, wie ich das Buch loswerden konnte und dann, wohin mich eine Zukunft jenseits des Tarots führen würde.

Ach, Sie kennen das Fuchsorakel gar nicht? Lassen Sie mich das Prinzip kurz erklären. Ein Fuchsorakel besteht aus einem ein auf circa drei Meter abgestecktem Feld. Diesem Feld stellt man in der Abenddämmerung eine Frage, die man mit Stöckchen, Kerben und Furchen klarer definiert. Des Nachts läuft der Fuchs über das Feld und aus seinen Spuren bleibt die Antwort abzulesen.
Sie haben das Manko erkannt: ich verfügte über keinen zuverlässigen Fuchs und wagte nicht zu hoffen – Hoffnung, ich bitte Sie! –, dass im vierten Stock zufällig einer vorbeispaziert käme. Aber ich hatte schon an einigen Abenden eine Maus auf meinem Balkon beobachtet. Ich schüttete also ein orakelwürdiges Feld aus Blumenerde auf meinen Betonbalkon (er ist bombensicher vor Wasseradern) und stellte dem Balkon – pardon, dem Orakel – meine Frage nach der Entsorgung des Buches.

In dieser Nacht schlief ich aufgeregt schlecht und träumte unheilbringende Symbole. Bei Sonnenaufgang stürzte ich auf den Balkon und fand: nichts. Keine einzige Spur. Sollte ich das Buch etwa behalten? War das mein Schicksal? „Guten Morgen!“ hörte ich meinen Nachbarn. „Sehen Sie – endlich erwischt.“ Er hielt mir mein Medium entgegen – tot in einer Schnappfalle. Ich ließ mir meine Erschütterung nicht anmerken und fragte ihn, ob ich sie haben könne, um wenigstens aus ihren Eingeweiden zu lesen. Er sah mich an, als sei ich verrückt geworden. Ob ich es schon mit Yoga versucht habe. Gegen die Anspannung. Oder ob ich lieber einen Schnaps wolle.